
Portugal und Ich – Ein Sommer(alp)traum? Teil 1
28. Juli 2021
Das Ende der Welt – Portugals Algarve
15. August 2021Portugal und Ich – Ein Sommer(alp)traum? Teil 2

Die größten Enttäuschungen haben ihren Ursprung in zu großen Erwartungen.
31. Juli 2021 - Reisetagebuch Eintrag #55
- PORTUGAL UND ICH - TEIL 2 | geschrieben von Rene
Fortsetzung von "Portugal und Ich – Ein Sommer(alp)traum? Teil 1"
Tags darauf ist Alvor unser erstes Ziel mit Mariannes Camper. Dort gibt es eine schöne Wanderstrecke, genannt Boardwalk, der entlang eines Naturschutzgebiets führt. Da gerade Ebbe ist, sieht man am ganzen Weg entlang die Krebse, die jetzt aus ihren Löchern kriechen und wir können dem wuseligen Treiben zusehen. Von meinem Unfall am Vortag bin ich noch leicht im Humpelmodus, der Zeh ist etwas geschwollen, aber zum Glück scheint es nichts Gröberes zu sein. In einer Bucht, in der es uns fast die Haare vom Kopf bläst machen sich die Kitesurfer bereit, die ankommende Flut für ihr Training zu nutzen. Ich stelle fest, dass es schon ein echt cooler Sport sein muss. Würde ich an einer windigen Küste leben, würde ich das auf jeden Fall ausprobieren. Aber ich und der Wind sind nicht sooo sehr die Freunde.
Der nächste Spot, den wir nach der Wanderung mit Mariannes Camper ansteuern ist wirklich ein optischer Leckerbissen, wie wir ihn uns gewünscht haben. Entlang an einer Steilküste stehen die Felsen in der Brandung, das Panorama wirkt wie von einer Postkarte. Wunderbar, wir fotografieren was das Zeug hält. Der Wanderpfad führt teilweise gefährlich nahe an den steil abfallenden Felsen entlang. Ein Traum. Noch schöner wird es, als wir eine supersüsse Minibucht entdecken, an die man sich sogar abseilen muss, um dorthin zu gelangen. Der «Strand» ist grad mal gute 10 m breit und um in das offene Meer zu kommen muss man durch einen Felstunnel schwimmen. Genial. Magdalena und ich gehen als erstes rein. Das Wasser ist recht seicht, die Wellen aber hoch. An den Wänden des Tunnels krabbeln die Krabben – da hilft nur ein beherzter Sprung und schnell ab durch den Tunnel! Meine Idee ist eher weniger gut, beim ersten Schwimmzug leert sich das Wasser wegen einer Welle und ich stosse mit voller Wucht auf einen sehr scharfkantigen Felsen am Boden. Natürlich genau mit dem Körperteil, der ohnehin schon lädiert ist: der grosse Zeh. Ich beisse die Zähne zusammen und schwimm weiter, bis wir durch den Tunnel sind. Das Wasser ist wunderschön, die Kulisse ebenfalls, aber so richtig geniessen kann ich es leider nicht, da ich grad die Sternchen vor meinen Augen zählen kann. Als wir wieder zurück an Land sind, ist der Zeh blutig und sieht nicht besonders gut aus. Wir trocknen alles so gut es geht ab und ich zwänge mich mit einem Behelfsverband in Form eines Desinfektionstuches in meinen Turnschuh. Das wars dann erstmal mit der Wanderung. Mit verkrampftem Gesicht schleppen mich Magdalena und Marianne zurück zum Auto (na gut, so dramatisch war es nun auch wieder nicht – ich bin selbst gelaufen, aber fein war es nicht). Im Auto packt Marianne erstmal ein paar Eiswürfel in einen wasserdichten Sack, damit ich den Zeh kühlen kann. Ja, dank mir ist der Tag dann auch gelaufen – wir fahren wieder nach Hause und verarzten so gut es geht meine Wunde. Als ob der Tag nicht schon bescheuert genug wäre, stellen wir am Abend fest, dass wir unsere Kreditkarte vermutlich bei der Wanderung verloren haben. Ja, wenn’s mal kommt, dann richtig.
Nach zwei Tagen Pause und einigen Diskussionen mit der Kreditkartenfirma ist das Laufen für mich zwar noch nicht besonders lustig, aber es geht wieder. Wir besuchen die Ortschaft Alcantarilha und die Kapelle dos Ossos, die Knochenkapelle. Ein wirklich skurriler Ort – die Wände sind mit Knochen und Schädeln von über 1.500 Menschen «geschmückt», in die kleine Kapelle selbst passen gerade mal 3 Leute rein. Ziemlich schaurig und unwirklich, morbide, aber irgendwie auf eine sehr seltsame Weise interessant. Viel mehr hat der Ort nicht zu bieten, und so machen wir nach dem Ausflug in die Totenwelt auf den Weg nach Albufeira, dem grössten Ort im näheren Umfeld. Albufeira ist sehr touristisch, das sieht man sofort. Im Zentrum versammeln sich Bars, Restaurants und Butiken – doch auch hier, wie in vielen anderen Orten – herrscht nahezu gähnende Leere. Ich quatsche mit einem Restaurantbesitzer der versucht, Leute in das Lokal zu bekommen. Für ihn ist es eine Katastrophe. Wenn die Touristen ein weiteres Jahr ausbleiben, muss er schliessen. Es rentiert sich nicht, für die paar Nasen zu kochen. Gerade mal zwei oder drei Tische sind belegt – jetzt zur Mittagszeit, direkt am Hauptplatz von Albufeira, wo normalerweise alles voll ist und die Gerichte wie am Fliessband die Küche verlassen sollten. Er erzählt mir, dass die meisten Gäste aus Portugal selbst sind. Und denen fehlt das Geld, um Essen zu gehen. Wir erkunden den Rest der Stadt und finden dann endlich ein vielversprechendes Fischlokal, wo wir Mariannes Geburtstag gebührend «nachfeiern» und wirklich sehr leckeren Fisch geniessen.
Für den nächsten Tag beschliessen wir, die Benagil-Cave zu besuchen. Auch hier erweist sich Mariannes VW-Bus als Retter in der Not. Mit dem Wohnmobil hätte man keine Chance, dorthin zu kommen. Aber nicht etwa, weil es keine Strassen gibt. Im Gegenteil, alles Tip-Top geteert und schön. Nur tauchen plötzlich überall die Wohnmobil-Fahrverbotsschilder auf – und selbst wenn man sie ignorieren würde ist spätestens bei der Höhenkontrolle des Parkplatzes endgültig Schluss: 2,20 m maximum (zum Verständnis: ein «kleines» WoMo hat normalerweise schon eine Höhe von 2,90 m). Der Parkplatz ist eben und riesig, mindestens 300 – 400 Fahrzeuge passen hier rein. Es wäre kein Problem für einen Camper. Aber ja, man will sie hier nicht – nicht mal tagsüber. Ich bin ja kein Tourismusexperte, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass diese portugiesische «Camper-Unfreundlichkeit» für deren Fremdenverkehrs-Wirtschaft nicht besonders förderlich ist. Gerade jetzt, wo diese Regionen dringend das Geld brauchen würden. Egal, als Aussenstehender weiss man eh immer alles besser. Zurück zur Benagil-Höhle: Die nächste Ernüchterung wartet schon auf uns. Die Höhle ist vom Benagil-Strand etwa 100 m entfernt, aber der Weg kann nur schwimmend zurückgelegt werden. Das sollte kein Problem darstellen - und ist es im Normalfall auch nicht. Als Draufgabe überlegen wir uns, Mariannes SUP (Stand-Up Paddle) aufzupumpen. So können wir alle gemütlich mit dem Board nach drüben paddeln. Gesagt, getan: noch am Parkplatz stellen wir uns der schweisstreibenden Angelegenheit, pumpen was das Zeug hält und machen uns bereit. Da kommt ein Portugiese auf uns zu und sagt, wir sollen erst mal die Lage prüfen, denn die Wasserretter lassen die Leute manchmal nicht raus, wenn die See unruhig ist. Pffft… so ein Unsinn – es ist absolut windstill, herrliches Wetter und weit und breit keine Wolke zu sehen! Aber na ja, wir gehen zur Sicherheit trotzdem erstmal die etwa 300 m zum kleinen Benagil-Strand runter, der vom Parkplatz nicht einsehbar ist. Es kommt, wie es kommen musste: die rote Flagge weht, die hereinbrechenden Wellen sind gute 2 Meter hoch und niemand ist im Wasser. Schwimmverbot. Als Draufgabe treibt eine riesige schwarze Algenschaumsuppe vor der Küste – also selbst bei ruhigem Wasser wäre ich da nicht durchgeschwommen. Enttäuscht sehen wir uns an. Portugal und wir – es will einfach nicht so richtig. Entmutigt treten wir den Rückweg zum Parkplatz an und lassen die Luft aus Mariannes SUP. Wenigstens kann man die Höhlen auch von oben anschauen – zumindest an der Stelle, wo sich ein Loch gebildet hat und man von oben hineingucken kann. Aber definitiv unspektakulärer, und die Menschenmassen türmen sich ebenfalls alle hier, weil keiner ins Wasser kann. Uns reicht es erstmal und wir fahren weiter.
Wir probieren anschliessend zwei weitere Strände, die uns empfohlen wurden. Am ersten finden wir auf dem komplett unterdimensionierten Parkplatz nicht mal die kleinste Lücke, und am zweiten bietet sich dasselbe Bild wie am Benagil-Strand: unruhiges, dreckiges Wasser, brauner Schaum und Algen und ein Gestank wie aus der Kläranlage. Da möchte keiner von uns rein. Wir beschliessen, erstmal einen Kaffee zu trinken und beraten, was wir als nächstes machen. Wir sind uns einig, dass es heute keinen Sinn mehr macht, einen weiteren Strand zu suchen, da es vermutlich überall gleich ist. Obwohl wir relativ früh gestartet sind, ist schon Mittag, der halbe Tag ist also schon erfolglos verplempert.
Wir machen uns auf den Weg nach Silves, einem geschichtsträchtigen Ort mit rund 11.000 Einwohnern. Die Region ist seit dem 4. Jahrhundert vor Christus besiedelt und hat eine lange Geschichte von Römern, Westgoten, Berbern, Arabern, Umayyaden, Almoraviden und Muriden hinter sich. Die mittelalterliche Burg Castelo dos Mouros ist das Wahrzeichen der Stadt und einer der wichtigsten Anziehungspunkte. Von der Festung selbst sind die Aussenmauern gut restauriert, der Innenhof ist jedoch relativ leer – nur die Grundmauern des früheren Palastes sind noch vorhanden oder rekonstruiert worden. Auch hier bekommt man für das Eintrittsgeld genau nur den Eintritt, und sonst nichts. Wer eine Infobroschüre möchte, muss zusätzlich was drauflegen. Die Masche scheint hier echt in die Mode gekommen zu sein. Abziehen wo es nur geht. Es ist drückend heiss, das Thermometer zeigt 35 Grad und wir sind um jeden noch so kleinen Schattenplatz froh. Nach dem Castelo spazieren wir durch die Stadt, die still und beinahe ausgestorben wirkt, gehen an ein paar leeren Restaurants vorbei und beschliessen dann, uns dieser Hitzetortur nicht weiter auszusetzen. Wir fahren wieder zu unserem Stellplatz und geniessen eine kühlende Dusche und ein feines Abendessen.
Nach der Enttäuschung am Benagil-Strand ist die See am nächsten Tag wieder ruhig. War ja klar. Wir haben für heute allerdings einen Strandtag an unserem Stellplatz geplant. Die Irrfahrten der vorhergehenden Tage haben uns ernüchtert, und wir wollen das irgendwie nicht nochmal machen. Was ich hingegen aber möchte ist, das Stand-Up-Paddleboard von Marianne endlich ausprobieren. Die Bedingungen sind gut und ich versuche mich das allererste Mal auf einem SUP. Marianne gibt mir fachmännisch Anweisungen und so ist es für mich gar nicht so schwer, die ersten paar Meter auf etwas wackeligen Beinen zurückzulegen. Ich muss zugeben – das macht echt Spass. Natürlich ist es nur durchschnittlich spannend, an einer geraden Sandküste entlang zu paddeln, aber ich stelle mir vor wie interessant es ist, es an einem malerischen See oder einer schönen Bucht zu machen, wo es wesentlich mehr zu entdecken gibt. Mir gefällt es auf jeden Fall sehr, auch wenn es mich von Zeit zu Zeit aufgrund der Wellen vom Board schmeisst.
Ja – Portugal und ich. Ich weiss noch nicht, was ich davon halten soll. Es läuft einfach nicht so glatt. Natürlich sind Dinge dabei, an denen ich oder wir selbst Schuld haben. Portugal kann nichts dafür, dass wir unsere Kreditkarte verloren haben oder dass ich blödsinnigerweise meinen Zeh an einem Felsen aufgeschlitzt habe. Das ist mir durchaus bewusst. Es fühlt sich trotzdem komisch an. Fremd. Noch nicht ganz rund. Wir vermissen das herzliche «HOLA» der Spanier, fast überall wo wir aufgetaucht sind. Nicht dass die Portugiesen unfreundlich wären – nein! Aber sie sind einfach reservierter. Vielleicht nicht ganz so selbstbewusst. Man kann ihnen schon ein «Olá» (die portugiesische Variante für Hallo) entlocken, aber man muss zuerst grüssen, sonst wird’s nix und sie schauen dich nur an (oder eher bewusst weg, starr gerade aus). Auch am Stellplatz grüssen selbst die unmittelbaren Nachbarn nur dann, wenn wir es zuerst machen. Und auch das ist gar nicht so einfach, denn der direkte Blickkontakt wird zu jeder Zeit strikt und vehement vermieden. Man schaut lieber in den Boden. Na ja, ich möchte es nicht verallgemeinern. Vielleicht haben wir bis jetzt einfach etwas Pech und genau die Sorte Menschen erwischt, die eher introvertiert sind.
Ich versuche krampfhaft, mich auf der «Portugal-Party» wohl zu fühlen. Die richtige Ecke zu finden, wo’s lustig ist. So ganz will es nicht gelingen. Aber der Abend ist noch jung – sprich: das Land noch gross - und wir wollen ihm eine Chance geben, zumindest in Kategorie B (= Sympathie) zu kommen – auch wenn es bis jetzt noch nicht so ganz geklappt hat.
Albufeira, im Juli 2021
Liebe Grüsse
Liebe Grüsse
Rene
Reiseroute
08. Juli - 10. Juli 2021Tavira
PT10. Juli 2021Albufeira
PT
Erfahrungsberichte
Hola ihr Weltenbummler,
sehr interessanter Bericht – ich lese eure Beiträge immer wieder gerne!
Aber schade ist es natürlich schon, dass Portugal für euch (bisher) nicht das hergibt, was ihr erhofft habt. Vor 2 Wochen standen wir ja auch vor der Entscheidung: Portugal mit dem WoMo oder nicht…
Die oft negativen Berichte, der von dort rückreisenden „Kollegen“, haben uns dann aber auch zu denken gegeben. Nun sind wir von Andalucia über das Landesinnere nach Galicia gefahren und haben es nicht bereut. Extremadura und Castilla y León sind total sehenswert!! Also, wenn’s euch zu bunt wird in Portugal, dann die klare Empfehlung von mir: Fahrt zurück nach Spanien 😃
Wie auch immer…ich werde euren weiteren Weg mit Spannung weiter verfolgen!
Saludos, un abrazo y hasta luego
Karlheinz
Hola ihr beiden 😃 Vielen Dank für euren Kommentar. Ja, leider war der Auftakt etwas ernüchternd. Es ist eben anders als Spanien und ungewohnt. Aber jetzt – so nach ein paar Wochen hier im Land – haben wir uns etwas „akklimatisiert“ und die Erfahrungen sind besser geworden (wenn auch nicht perfekt – genauere Details dann im nächsten Bericht 😉). Wir sind schon sehr gespannt auf den Norden von Spanien, auch wenn es dort um einiges frischer sein soll als hier. Aber wir müssen uns ja auf den Winter vorbereiten. Wir wünschen euch ebenfalls eine spannende Weiterreise, passt auf euch auf und vielleicht fahren wir uns ja bald wieder über den Weg 😉
Viele Grüsse an euch vom südwestlichsten Punkt Europas!