
Abenteuer Kanada: Grenzen, Moskitos und Bären
30. Juni 2024
Im Goldrausch
25. August 2024Gletschereis und Wüstenwind

Es ist nicht zuwenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.
07. Juli 2024 - Reisetagebuch Eintrag #160
- GLETSCHEREIS UND WÜSTENWIND | geschrieben von Rene
Feuchtes Kaffeekränzchen
Dass wir schon ein ganz schönes Stück nordwärts gekommen sind, beweist die Tatsache, dass wir bald zum ersten Mal die Grenze zu Alaska überqueren werden. Wir machen aber zunächst Halt in Stewart, an der Clemens Lake Recreation Site. Hier bleiben wir vorerst von Mücken verschont, was sicherlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass es regnet. Na ja, besser so als anders. Da es aber nur leicht nieselt, nutzen wir die Gelegenheit und schnappen uns das Floss, welches hier für die Allgemeinheit zur Verfügung steht. Da wir ohnehin nichts Besseres zu tun haben, verlegen wir unseren Nachmittäglichen «Kaffee und Kuchen» auf das Floss und paddeln auf den See hinaus. Ein richtig schönes Erlebnis. So langsam «grooven» wir uns in Kanada und in unser Nordländer-Abenteuer ein. Wir fühlen uns pudelwohl, sogar im Regen. Echt klasse.
Auf der Strecke wurden wir bereits einige Male mit Tiersichtungen belohnt. Vorzugsweise entdecken wir Schwarz- oder Braunbären, die am Wegesrand nach Futter suchen und die mit ihren Kids umherziehen. An diesem Morgen entdecken wir einen Bären, der um unseren Platz herumstreunt. Wir sind mit einigen anderen Overlandern hier, und der Bär versucht, etwas Essbares aufzutreiben. Es wird überall darauf hingewiesen, keinesfalls Lebensmittel oder auch Essensrückstände, weder tags noch nachts, offen liegen zu lassen. Und glücklicherweise beherzigen die meisten diesen Rat. Denn ein Bär, der einmal geschnallt hat, dass man von Menschen Futter bekommen kann, wird sich nie wieder auf andere Weise Futter beschaffen. Schlussendlich wird der Bär aggressiv, wenn er nicht das bekommt, was er gewöhnt ist – und dann fällt er gezwungenermassen dem Ranger zum Opfer. Doch unser Bär hier am Clemens Lake findet kein Futter, und so tapst er gemütlich wieder davon.
Stippvisite in Alaska
Für uns steht heute Hyder auf dem Programm. Hyder ist der südlichste Ort Alaskas – und für uns die erste Gelegenheit, die Grenze von Kanada nach Alaska zu überqueren. Aber das wird ein kurzes Vergnügen, denn es ist schlussendlich eine Sackgasse, und man muss den gleichen Weg, den man genommen hat, wieder zurückfahren. Am Visitor-Center in Stewart holen wir uns noch ein paar Infos, dann geht es los nach Alaska. Da wir einen Grenzübertritt haben und wir nicht wissen, wie «scharf» die Kontrollen sind, beschliessen wir kurzerhand, alles Fragwürdige in Ollie zu packen und zu viert mit «Blu», Sven und Tina die Grenze zu überqueren. Wir dürfen nun also ein bisschen halblegal hinten in der Kabine sitzen – denn da hat es keine Gurte. Aber für dieses kurze Abenteuer soll uns das recht sein.
Zwischen Stewart in Kanada und Hyder auf der US-amerikanischen Seite gibt es keine Grenzkontrolle – zumindest nicht in Richtung USA. Es existiert zwar ein Zollgebäude, aber das gehört den Kanadiern. Somit können wir ganz einfach und unkontrolliert über die Grenze und sind nun das allererste Mal in Alaska!
Unser erster Stopp führt uns zur Fish Creek Wildlife Observation Site, wo man im Herbst den Bären beim Lachsfischen zusehen kann. Leider sind wir jetzt im Juni viel zu früh, und wir bewandern den Steg ohne Aussicht auf Bären. Das muss zur richtigen Jahreszeit ein spannendes Erlebnis sein – doch heute ist das leider aussichtslos. Aber es spielt keine Rolle, denn unser heutiges Ziel lautet «Salmon Glacier». Wir sitzen wieder auf und fahren etwa eine Dreiviertelstunde auf einer ruppigen Schotterpiste in die Höhe, bis wir an der Stelle landen, wo wir dank dem Schnee nicht mehr weiterkommen. Doch der Gletscher ist bereits in Sicht und wir können die ersten Bilder machen.
Nun hat uns die Neugierde gepackt und wir beschliessen, dass wir noch ein paar Meter zu Fuss weitergehen wollen. Wir stellen Blu ab, ziehen unsere Wanderschuhe an und stapfen durch den Schnee. Das ist alles andere als leicht. Schon nach kurzer Zeit sind unsere Schuhe, die natürlich ganz und gar nicht Winter- und Schneefest sind, klatschnass. Doch der Ehrgeiz treibt uns immer weiter, und mit jeder Biegung, die wir auf der schneebedeckten Strasse erreichen, wird die Sicht auf den Gletscher besser. Nach gut 1 ½ h Wanderung und mit eiskalten Zehen haben wir einen unvergesslichen, atemberaubenden Blick auf den Salmon Glacier bei Hyder, Alaska. Was für ein Schauspiel, was für ein Naturwunder. Beinahe ehrfürchtig stehen wir hoch oben auf der Kante und können uns an der rauen, epischen Landschaft des ewigen Eises kaum sattsehen. Wir knipsen unendlich viele Bilder, was wir am Abend beim Aussortieren dann postwendend wieder bereuen – aber egal, wir möchten diesen Moment und diese Aussicht einfach irgendwie festhalten. Glücklich und zufrieden treten wir anschliessend den Rückweg an und sind froh, dass wir uns den nassen Schuhen und Socken entledigen können. Irgendetwas haben wir auf alle Fälle richtig gemacht, denn der Wettergott hat uns heute völlig unerwartet angenehme Temperaturen und blauen Himmel geschickt, obwohl eine graue Wolkendecke und Regen vorhergesagt war. Na, da freuen wir uns gleich doppelt.
Achtung, Kontrolle!
Bei der Rückfahrt kommen wir dann wie erwartet in die Grenzkontrolle der Kanadier, die es heute ausnahmsweise und unerwartet sehr genau nehmen. Okay, für uns dann doch etwas übertrieben. Es ist ein «one way» - also wer von Hyder kommt (wo man überhaupt nichts kaufen kann, ja nicht mal tanken), muss zwangsläufig vorher in Stewart gewesen sein. Also warum hier so viele Fragen gestellt werden, ist uns schlussendlich unklar, aber nachdem wir wieder die ganzen Fragen nach dem woher-wohin-warum-und-wielange beantwortet haben, dürfen wir wieder nach Kanada einreisen. In Stewart gönnen wir uns in Ollie eine erfrischende, warme Dusche und fahren anschliessend wieder zurück zum Clemens Lake, wo wir eine weitere Nacht verbringen.
Für die nächsten Tage haben Sven und Tina ein etwas abweichendes Programm geplant. Daher trennen sich unsere Wege vorerst, und wir begeben uns für zwei Nächte in die Morchuea Lake Side. Wir finden ein relativ offenes Plätzchen auf einer Lichtung und satteln erstmal ab. Handynetz haben wir schon seit Tagen nicht mehr, und so sind wir froh, dass wir zumindest mit Starlink eine Internetverbindung zur Aussenwelt aufbauen können. Nach zwei etwas freundlicheren Tagen zuvor sitzen wir nun leider wieder im Regen – und dank der Heizung, die wir relativ oft einschalten müssen und dank der fehlenden Sonne, die unsere Solaranlage leider nicht füttern kann, geht uns der Batteriesaft schneller aus als gedacht. Na ja, «aus» ist übertrieben, aber unsere 200 Amperestunden zählen kontinuierlich runter. Wir merken, wie sonnenverwöhnt wir in den letzten Monaten waren. Draussen sind wir nicht besonders oft, da die Luft ziemlich frisch und klamm ist. Das Plätzchen an sich wäre wirklich schön, aber das Grau macht es leider zu einer doch sehr tristen Angelegenheit. Zumindest scheinen die Moskitos das kalte Wetter auch nicht so sehr zu mögen, denn wir bleiben von weiteren Stichen verschont.
Das Wetter und unsere Stimmung bessern sich auch die kommenden Tage nicht massgeblich. Das Grau um uns herum, das stetige Geräusch von Regentropfen auf unser Wohnmobildach und die kurzen Besuche an der kalten, feuchten Luft drücken unsere Euphorie wieder auf ein Basislevel. Wir fahren den schönen Highway 37 rauf und passieren eine wunderschöne, von Wald und Wiesen umgebene Seenlandschaft. Wir bleiben nur einmal kurz stehen und schauen im Regen durch die nasse Windschutzscheibe auf den malerischen See. Wir versuchen uns vorzustellen, wie schön es wäre, bei angenehmen Temperaturen da reinzuspringen. Doch wir haben uns Kanada und Alaska als Reiseziel nun mal selbst ausgesucht, also mussten wir auch damit rechnen, dass wir graue Tage erleben. Wir fahren weiter bis nach Watson Lake und überqueren das erste Mal die Provinzgrenze von British Columbia nach Yukon. Nun sind wir also in einem der drei nördlichsten Territorien Kanadas angekommen.
Wolkengrenze
Etwa 10 km vor Watson Lake finden wir erneut ein schönes Plätzchen, wo wir unseren Ollie abstellen können. Und wie durch eine unsichtbare Grenze getrennt sind wir plötzlich von blauem Himmel umgeben. Es scheint so, als wären die tristen, schweren Regenwolken am Highway 37 festgeklebt. Denn just, als wir von da in den Alaska Highway abbiegen, wird das Wetter schlagartig besser. Das passt perfekt, und kurz nachdem wir uns am Liard River eingerichtet haben, treffen wir auch wieder auf Sven und Tina. Wir geniessen die wärmenden Sonnenstrahlen und verbringen die nächsten zwei Tage an dem (fast) ruhigen Örtchen mitten im Wald. Die LKWs, die über den Alaska Highway donnern, kann man zwar noch bis hierher hören, doch das ist uns nun auch egal. Wir machen wieder ein Lagerfeuer, bereiten unser Essen zu, und zum Abschluss gibt’s noch eine Portion «S’mores» als Nachtisch.
s’ mores – Zuckerschock garantiert!
Doch was zum Geier sind denn «S’mores»? S'mores: die amerikanische Antwort auf die Frage, wie man möglichst effektiv klebrige Finger und Schokoladenflecken auf Klamotten kombiniert. Diese kulinarische Kreation, die vermutlich aus einem betrunkenen Lagerfeuer-Experiment entstanden ist, vereint alles, was man braucht, um den täglichen Kalorienbedarf um ein vielfaches zu überschreiten. Wer hätte gedacht, dass man sich freiwillig dafür entscheidet, sich die Zähne an harten Crackern auszubeissen, nur um dann wegen einem schmelzenden Marshmallow Gefahr läuft, in ein hypoglykämisches Koma zu fallen?
Natürlich darf die Schokolade nicht fehlen – die Hauptzutat, die dazu führt, dass Hände und Gesicht aussehen, als hätte man eine Schlammschlacht verloren. Perfekt für das nächste Selfie! Und während man sich fragt, warum man das Ganze überhaupt angefangen hat, hört man im Hintergrund das Lachen der Leute, die den Anblick deines missglückten Versuchs geniessen.
S'mores sind quasi das kulinarische Äquivalent zu einem Jackass-Stunt: unnötig riskant und ziemlich chaotisch. Aber hey, Amerika ist eben das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – und der unbegrenzten Sauerei. Mahlzeit! Hier eine kurze, knackige und klebrige Anleitung, wie man «s’mores» (= «some more’s») zuhause und/oder am Lagerfeuer selbst zubereiten kann:
- Schritt 1: Mach ein Lagerfeuer
- Schritt 2: Lege zwei Butterkekse auf einem Teller bereit.
- Schritt 3: Positioniere auf einem der Butterkekse ein Schokoladestück.
- Schritt 4: Erhitze nun den Marshmallow über offenem Feuer, bis er anfängt, sich zu bräunen und leicht zu schmelzen. Wem der Marshmallow übrigens ins Feuer fällt, muss anschliessend den Abwasch machen.
- Schritt 5: Lege den heissen Marshmallow auf das Schokoladenstück und bedecke ihn mit dem anderen Butterkeks.
- Schritt 6: Lass das Marshmallow ein wenig abkühlen und beisse dann genüsslich in die Kalorienbombe. Gehe anschliessend weiter mit Schritt 2.
In Watson Lake gibt es die Möglichkeit, sich mit dem Allernotwendigsten zu Versorgen. Natürlich bezahlt man dafür einen ordentlichen Preis, deswegen sind wir mit den Einkäufen eher zurückhaltend. Man sollte also auf dem Alaska Highway bzw. auf der Strecke zwischen Vancouver und dem Yukon die grösseren Orte nutzen, um sich mit Lebensmitteln einzudecken – und auch zu tanken. Denn in den kleinen Orten dazwischen ist es teilweise unverschämt teuer, und so kann es leicht passieren, dass man für ein Brot 9 Dollar bezahlt, oder für einen Eisbergsalat 6 Dollar.
Schilderlabyrinth
Doch Watson Lake hat noch etwas zu bieten, nämlich den weltberühmten Schilderwald. Weltberühmt ist er im wahrsten Sinne des Wortes: Entstanden ist der «Sign Post Forest» in Watson Lake in den 1940er Jahren. Ein Arbeiter des Alaska Highways hatte Heimweh und darum ein Schild aus seiner alten Heimat aufgestellt. Seitdem wächst der Wald und es kommen täglich mehr Schilder dazu. Reisende aus der ganzen Welt verewigen sich und hängen Kennzeichen, Strassen- und Ortsschilder oder irgendein Schild aus ihrer Heimat auf. Auch Teekessel, Klobrillen, T-Shirts, Radkappen, Schuhe und alles, was sich irgendwie an einen der vielen Holzpfähle nageln lässt, wird verewigt. Es ist ein interessanter Fotostopp, und kaum einer, der den Alaska Highway als Tourist durchquert, fährt hier einfach vorbei. Wir nehmen uns viel Zeit, entdecken allerlei Kuriositäten und finden sogar das ein oder andere Schild aus unserer alten Heimat. Wir wollen nicht wissen, wie sie hierhergekommen sind, oder warum man als Reisender überhaupt ein Ortsschild mit sich führt, welches man dann genau hier aufhängt. Aber spannend ist es allemal.
Unsere heutige Tour endet an der Morley Lake Recreation Site, wo die Moskitos wieder das Sagen haben. Es ist zwar recht eng dort, doch für uns ist es in Ordnung. Sven durfte einem Franzosen (wieder einmal) aus der Patsche helfen und zwei Jungs, die mit ihrem Fahrzeug stecken geblieben sind, aus dem Sand befreien. Nachdem er bereits einige Franzosen an unserem Party-Wochenende am Tecolote Strand in Baja California gerettet hat, vergebe ich an Sven jetzt offiziell den Titel «Franzosenzieher».
Bärenstark am Badesee
Wir starten sehr früh in den nächsten Tag und finden ein wirklich sehr charmantes Plätzchen am Little Atlin Lake, kurz nach Jackes Corner. Auf dem Weg dorthin sehen wir einige Bären – Mamas, Papas und Kinder. Je weiter wir in den Norden kommen, umso häufiger werden die Sichtungen. Ein wahres Naturschauspiel. Besonders nah kommen wir einem Bärenpaar, einmal schwarz und einmal braun. Die beiden sind keine 5 Meter vom Strassenrand und verspeisen genüsslich den Löwenzahn, der hier überall wächst. Wir können den beiden ganz entspannt zusehen und Fotos aus nächster Nähe (und in der sicheren Umgebung unseres Wohnmobils) schiessen. Was für ein Anblick. Und wieder wird uns bewusst, was für ein Glück wir haben und was wir auf unserer wundervollen Reise alles erleben dürfen.
Als wir etwas später tatsächlich am Atlin Lake ankommen, werden wir von Sven und Tina bereits erwartet. Das ist wieder einmal ein eindrucksvolles Plätzchen. Mit atemberaubender Aussicht auf die teilweise noch schneebedeckten Berge und dem spiegelglatten See im Vordergrund platzieren wir uns, und haben nun die allerschönste Aussicht, die man sich wünschen kann. Bei frühlingshaften Temperaturen sitzen wir gemütlich unter Svens Markise und sinnieren über unsere Reise. Es gefällt uns so gut, dass wir schlussendlich dann noch zwei weitere Nächte bleiben. Das Wetter wird immer besser, und es wird höchste Zeit, endlich wieder einmal unser SUP (Stand Up Paddleboard) aus der Versenkung zu holen. Bei absolut besten Konditionen rudern wir hinaus auf den See und lassen uns treiben. Die Zeit vergeht wie im Flug, und ehe wir uns versehen, sind 2 ½ Stunden rum. So lässt es sich leben.
Sven hat etwas Aussergewöhnliches entdeckt, womit er nun wirklich nicht gerechnet hätte. In Carcross, gerade mal 60 km entfernt, gibt es tatsächlich einen Kite-Spot. Sven hat in Baja California ja so richtig Blut geleckt und nutzt seitdem jede Gelegenheit, mit seinem Kite über die nächstbeste See (oder Meer) zu surfen. Also entscheidet er spontan, nach Carcross weiterzuziehen, während wir den Tag noch am Little Atlin Lake verbringen.
Eiswasser-Kiten
Einen Tag später kommen wir nach Carcross nach, weil wir natürlich neugierig sind. Doch am Vormittag herrscht noch Flaute. Das war bereits gestern so, berichtet uns Sven – aber am Nachmittag gegen 2 Uhr soll es dann los gehen mit dem Wind. Das trifft sich bestens, denn dann können wir den Vormittag mit einem ausgedehnten Spaziergang zur Carcross Desert beginnen und sollten gegen Mittag rechtzeitig wieder zurück sein. Moment mal – Carcross DESERT? Ja, richtig gelesen, eine Wüste – mitten im Yukon! Obwohl sie als die kleinste Wüste der Welt gilt, ist die Carcross Desert eigentlich eine Sanddüne, die durch postglaziale Prozesse entstanden ist. Vor Tausenden von Jahren hinterliessen die schmelzenden Gletscher grosse Mengen an Sand und Sedimenten, die durch den Wind geformt wurden. Heute erstreckt sich die Wüste über eine Fläche von etwa 2,6 Quadratkilometern und bietet eine einzigartige Landschaft aus feinem, goldenem Sand, der von robusten Pflanzen und atemberaubenden Aussichten auf die umliegenden Berge und Seen durchsetzt ist. Wir geniessen die Stille und die ungewöhnliche Schönheit dieser geologischen Kuriosität.
Pünktlich kurz nach Mittag braust der Wind etwas auf und wird stärker. Hervorragendes Timing, denn als wir von unserem Ausflug und einem kurzen Spaziergang durch Carcross wieder zurück an unserem Ausgangspunkt am Lake Bennett ankommen, sind die Konditionen für Svens Kite-Ausflug schon fast perfekt. Also nichts wie ab aufs Wasser. Da ich selbst zwar schon lange vom Kiten träume, es aber bisher noch nicht auf einen Kite-Kurs geschafft habe, darf ich heute mal kurz in die Welt der Boards und Kites schnuppern und Sven beim Aufbau und beim Launch helfen. Sieht wirklich nach einem sehr interessanten Sport aus! Sven gleitet wie ein Profi über das eiskalte Wasser und macht dabei den Eindruck, als ob er das schon jahrelang machen würde. Respekt!
Freinacht
Abends fahren wir weiter nach Conrad zu einem wunderbaren Gelände, wo sich bereits einige andere Camper und Outdoor-Enthusiasten eingefunden haben. Wir finden ein abgeschiedenes Plätzchen und sind hier fast ganz allein. Wieder einmal dürfen wir eine herrliche Aussicht geniessen – dieses Mal auf Bove Island und den Tagish Lake. Heute haben wir noch etwas Aussergewöhnliches vor. Da es hier oben, so weit im Norden, fast nicht mehr so richtig dunkel wird, wollen wir es gerne mit eigenen Augen sehen. Also beschliessen wir, dass wir mal etwas länger aufbleiben und eine «Freinacht» veranstalten. Das Ziel: so lange wie möglich aufbleiben und schauen, wie dunkel es überhaupt wird. Na gut – das wird eine Challenge. Wir sind ja das späte(re) ins Bett gehen eher noch gewöhnt, aber Sven und Tina machen für gewöhnlich gegen 21 Uhr Schicht im Schacht. Das wird also eine echte Herausforderung. Aber gemeinsam meistern wir es – zunächst gibt es Kaffee und Kuchen um halb sieben dann ein wärmendes Lagerfeuer und leckeres Abendessen gegen 23 Uhr, danach vertreiben wir uns die Zeit mit allerlei Kartenspielen. Und wir schaffen es tatsächlich, bis 2 Uhr früh wach zu bleiben. Die zwei sehen um diese Uhrzeit ein wenig ferngesteuert aus, aber zugegeben – wir sind auch ganz schön durch. Wir beschliessen das Unternehmen «Freinacht» für beendet und verbuchen es als Erfolg. Und tatsächlich ist es, wie wir es uns gedacht haben: auch noch um 2:30 Uhr früh ist es maximal dämmerungs-dunkel, aber man braucht weder eine Taschenlampe noch sonst ein Hilfsmittel, so hell ist es noch.
Whitehorse
Kurz vor Whitehorse, der mit Abstand grössten «Stadt» in dieser Gegend, machen wir halt am Miles Canyon. Der Canyon mit seinen markanten Basaltklippen wurde durch vulkanische Aktivität vor etwa 9.000 Jahren geformt. Während des Klondike-Goldrauschs war er eine gefährliche Passage für Goldsucher. Heute bieten malerische Wanderwege herrliche Ausblicke und die 1922 erbaute Hängebrücke ermöglicht spektakuläre Fotomöglichkeiten – die wir natürlich auch nutzen. Der Canyon liegt im traditionellen Gebiet der Kwanlin Dün First Nation und der Ta’an Kwäch’än Council, was seine kulturelle Bedeutung unterstreicht. Leider sind wir etwas in Eile, und auch die Wetteraussichten für diesen Tag sind ziemlich trüb und regnerisch. Deswegen begnügen wir uns nur mit einem sehr kurzen Besuch am Canyon, und lassen die Wanderung etwas wehmütig aus.
In Whitehorse müssen wir alles Administrative erledigen, was ansteht: Grosseinkauf, Wäsche waschen, Tanken, Ver- und Entsorgen und wieder einmal die Luft der Reifen kontrollieren. Just an diesem Tag schüttet es wieder einmal in Strömen, und der Himmel schickt alles Wasser, das er zu bieten hat, in den Yukon. Aber für uns ist das perfekt, so versäumen wir nicht wirklich viel. Vor einigen Wochen ist uns leider auch ein kleines Malheur passiert: als ein grosser, mit Holz beladener Truck am Highway an uns vorbeigebraust ist, ist uns etwas in die Windschutzscheibe geflogen und hat einen kleinen, aber leider ziemlich markanten Steinschlag hinterlassen. Die Scheibe ist noch nicht gebrochen. Doch angesichts der Strapazen, die wir im Yukon und Alaska noch vorhaben, finde ich es besser, wenn wir es rechtzeitig reparieren lassen, bevor die Scheibe tatsächlich springt.
Kurzum suchen wir eine Scheibenreparatur. Leider ist Samstag nicht der ideale Tag dafür, denn sogar in Whitehorse haben die Werkstätten am Wochenende zu. Doch da Steinschläge hier nicht gerade zur Seltenheit gehören, gibt es sogar mobile «Glass repairs». So einen kontaktiere ich über Google und siehe da: ich bekomme fast umgehend Antwort. Und noch während wir im Waschsalon darauf warten, dass wir unsere Wäsche aus dem Trockner nehmen können, kommt der mobile Scheibenreparateur vorbei und lässt den Steinschlag verschwinden. Keine 10 Minuten später ist unser Windshield wieder heil und die Tour kann weitergehen. Die 50 kanadischen Dollar bezahlen wir gerne dafür. Perfekter Service!
Nichts geht mehr: Waldbrand und Strassensperre
Zwei Stunden nördlich von Whitehorse finden wir in Pelly Crossing einen verlassenen Campingplatz. Na ja, wir vermuten zumindest, dass er verlassen ist, oder beziehungsweise mal ein Campground war. Es sind schöne Wege und Stellplätze angelegt, ein bisschen Infrastruktur ist vorhanden (Trockentoiletten), ansonsten gibt es nichts. Doch bei der Einfahrt zum Platz werden wir mit einem Schild begrüsst, auf dem steht, dass wir hier einfach so kostenlos stehen dürfen. Oh ja, wir lieben dieses Land einfach. Seit nunmehr gut einem Monat mussten wir nichts mehr fürs Übernachten bezahlen. Und das alles legal. So macht ein Roadtrip einfach Spass. Die meisten Plätze finden wir – wie fast jeder andere auch – über die App iOverlander. Na ja, nicht gerade unsere Lieblings-App, weil wir so viele Funktionen darin vermissen. Aber in der Not… Und die Datenbank mit all den Spots, die hinterlegt sind, ist einfach unschlagbar – auch wenn vieles ein Ratespiel ist und wir bei der Platzwahl öfters schon richtig ins Klo gegriffen haben.
In Pelly Crossing machen wir es uns auch wieder gemütlich, und bleiben sogar noch einen Tag länger als geplant. Doch schon am ersten Tag kommt etwas Hektik auf. Mehr und mehr Fahrzeuge – Wohnmobile, Truck-Camper und auch gewöhnliche Autos - strömen auf den Pelly Crossing Campground. Das ist nun doch etwas ungewöhnlich. Bis wir erfahren, dass die Strecke weiter hoch in den Norden, nach Dawson City, aufgrund eines Waldbrandes gesperrt wurde. Somit ist ab Pelly Crossing kein Weiterkommen mehr – und es ist die einzige Verbindung nach Dawson City. Ohje, jetzt müssen wir nur hoffen, dass die Sperre nicht allzu lange dauert.
Am nächsten Tag wird die Strecke wieder freigegeben. Wir denken uns nicht viel dabei und sind froh, dass alles wieder gut ist. Doch die Freude währt nicht lange, denn kurz darauf erhalten wir über „511 Yukon“ – ein Online-Dienst, der auf Verkehrshindernisse und Strassensperren im Yukon hinweist – erneut die Meldung, dass die Strecke gesperrt wurde. Nun hoffen wir, dass wir unsere Chance nicht vertan haben. Eine alternative Strecke ist schlichtweg nicht verfügbar, oder nur, wenn wir einige hundert Kilometer Umweg (und eine komplett andere Richtung als eigentlich geplant) einschlagen würden.
Am nächsten Morgen um 8 Uhr erhalten wir die Meldung, dass die Strasse nun für 2 Stunden offen ist. Dieses Mal nutzen wir unsere Chance, machen so schnell es geht alles reisefertig und fahren auf den Highway. Wir haben Glück, die Strasse ist tatsächlich offen. Doch schon nach gut 20 Minuten Fahrt bekommen wir das volle Ausmass des Brandes hautnah vor Augen geführt: Kohlrabenschwarze, rauchende und verbrannte Baumstümpfe, dampfender Boden und eine Sichtweite wie im dichten Novembernebel. Überall befinden sich Brandherde, wo das offene Feuer immer noch lodert – es sieht aus wie nach dem Armageddon, als ob die Welt komplett zerstört wäre. Wir bekommen Kopfschmerzen von der stickigen, verbrannten Luft, obwohl wir alle Lüftungsöffnungen im Fahrzeug geschlossen haben und die Ventilatoren auf Stufe 0 heruntergedreht haben. Der verbrannte Streifen zieht sich gute 15 km links und rechts entlang der Strasse. Danach kommt glücklicherweise wieder mehr Grün zum Vorschein. Es lässt uns schaudern – doch auch das ist Teil des Kreislaufs, denn unter der verbrannten Erde entsteht neues Leben.
Dempster Highway
Wir sind froh, dass wir diesen Abschnitt hinter uns lassen können. Wir stehen nun am Eingang zum Dempster Highway – dem vielberüchtigten und sagenumwobenen Highway, der von der Abzweigung 880 km weiter in den Norden führt, bis hoch nach Tuktoyaktuk und dem Arktischen Ozean. Leider ist der Highway vom ersten Kilometer an eine Schotterstrasse, weshalb er auch bekannt ist als «Reifenmörder» und «Scheibenkiller». Na ja, ob wir uns das wirklich antun? Wir fahren die ersten 10 Kilometer und biegen dann rechts ab. An einer schönen Flussbiegung finden wir ein wunderschönes Plätzchen. Hier lassen wir uns erstmal nieder und entscheiden, ob wir die restlichen 870 km auch noch fahren möchten. Verlockend ist es natürlich einerseits, aber wir wissen auch, dass Tuktoyaktuk als nördlichster Punkt und gleichzeitig das Ende des Highways gerade mal auf dem 69. Breitengrad liegt. Zum Vergleich: das Nordkap in Norwegen liegt auf dem 71. Breitengrad – also noch um 2 Grad nördlicher, und da waren wir 2020. Es wäre also keine „Superlative“ auf unserer Reise, wenn es uns darum gehen würde. Wir kommen ins Grübeln, und lassen uns erstmal zwei Tage Zeit – die wir allerdings auch sehr intensiv nutzen.
Wir machen uns langsam, aber sicher Gedanken um unser nächstes grosses Reiseziel. Unser Ziel nach Alaska und nach Nordamerika. Wir haben schon eine Idee. Es wird ganz sicher spannend, vermutlich hitzig, gewaltig und vielleicht auch ein bisschen giftig. Wir werden sehen.
Liebe Grüsse
Reiseroute
10. – 12. Juni. 2024Stewart/Hyder
CA/US12. – 14. Juni. 2024Kitimat-Stikine
CA14. – 16. Juni. 2024Watson Lake
CA17. – 20. Juni. 2024Jackes Corner
CA20. – 22. Juni. 2024Carcross
CA22. – 23. Juni. 2024Whitehorse
CA23. – 25. Juni. 2024Pelly Crossing
CA25. – 28. Juni. 2024Glenboyle
CA